Save your Girls

By Samstag, Juni 25, 2016 5 Permalink 4

 

Frohe Erinnerungen

„Früher“, ja früher, denn ich meine vor etwa 10 bis 15 Jahren, war mir das Alles nicht bewusst und ich hätte und habe die Situation vollkommen falsch eingeschätzt.

Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt, 33.000 Einwohner damals. Das auch nur dank der vielen Dörfer drumherum. Mit 13 oder 14 ging ich bereits in die kleine Stadtdisco oder auf die ersten Scheunenfeten. Auf dem Dorf war das eben nie anders und ist heute vermutlich immernoch so. Schülerausweise wurden verändert und irgendwie hat es immer geklappt. Zum Glück wurde ich immer von Freunden nach Hause gebracht oder meine Eltern haben mich im hintersten Dorf abgeholt. Nie ist mir früher aufgefallen, dass es tatsächlich gefährlich sein könnte alleine nach Hause zu fahren. Der Gedanke kam mir nie.

Später in Köln feierten wir in Clubs. In kleinen Clubs, in dreckigen Clubs, in lauten Clubs. Der Heimweg verschwommen, oft alleine. Mit der Bahn oder zu Fuß. Ein Taxi war nicht drin als Auszubildende. Aber auch mit 21 kam mir nie der Gedanke, dass es gefährlich sein könnte alleine nach Hause zu gehen. Natürlich bin ich an größeren Gruppen schneller und mit starrem Blick vorbeigelaufen. Aber große Sorgen habe ich mir nie gemacht.

Mit 25 lernte ich dann meinen heutigen Freund kennen, ein selbsternannter Beschützer, der seine Aufgabe auch sehr ernst nimmt. Ich werde abgeholt, egal was ist. Komme was wolle. Die Feministin und selbstständige Frau in mir wehrte sich dagegen. Ich fühlte mich gekränkt. Pff, ich komm doch allein nach Hause, niemand muss auf mich aufpassen. Das kann ich selber! Klar. Die gewonnene Selbstständigkeit will Frau schließlich nicht direkt wieder verlieren, nur weil ein Mann daher kommt, der sich sonst Sorgen machen würde. Aber okay, ich ließ es mir gefallen und mittlerweile fordere ich es auch. Nur noch ungern gehe ich im Dunkeln am Bahnhof entlang. Den einen dunklen Weg ohne Beleuchtung versuche ich immer zu vermeiden. Zu oft hab ich auf der Website der Polizei gelesen, was dort alles passiert.

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Ich werde hellhörig.

Ich bekomme mit, dass Frauen an Bahnhöfen verbal belästigt werden.

Ich bekomme mit, dass Frauen in Köln unsittlich berührt werden.

Ich bekomme mit, dass Frauen in Köln bei helllichtem Tag vergewaltigt werden.

Ich bekomme mit, dass Frauen mit Kindern auf der Straße genötigt und beklaut werden.

Ich bekomme mit, dass Frauen nicht geschützt werden.

Ich bekomme mit, dass Männer Frauen nicht achten.

Ich bekomme mit, was Rape Culture eigentlich bedeutet und könnte weinen. Mir war nie bewusst, wie viele Männer es gibt, die so sexuelle Gewalt verharmlosen, die den Frauen die Schuld für das geben, was ihnen widerfahren ist. Noch schlimmer war allerdings die Erkenntnis für mich, dass es auch Frauen gibt, die Frauen die Schuld geben. Danke Facebook, dass du es jedem erlaubst seine Meinung zu offenbaren. Es lässt tief blicken.

Rape Culture ist ein englischer Begriff. Er beschreibt eine Gesellschaft, die den Opfern die Schuld oder wenigstens Mitschuld an den Taten gibt. Es ist der Grund, warum Frauen selten Anzeige erstatten. Denn will man sich solchen Fragen aussetzen? „Tragen Sie öfter so kurze Röcke?“, „Würden Sie sich selber als promisk beschreiben?“, „Laufen Sie regelmäßig nachts alleine nach Hause?“, „Trinken Sie regelmäßig Alkohol?“, „Glauben Sie, Sie hätten weniger trinken sollen?“, „Hat es Ihnen nicht auch gefallen?“ – Die harmlosen Fragen. Es gibt durchaus schlimmere. Der Beweis dafür sind unter anderem US Gerichte. Dort werden Vergewaltigungsopfer im Gerichtssaal vom gegnerischen Anwalt erneut gedemütigt. Als ob es eine Rolle spielen würde, wie viel man trinkt oder ob man es regelmäßig macht. Tut es nicht. Es geht nur darum die Glaubwürdigkeit des Opfers vor den Geschworenen herabzusetzen. Zuletzt bekannt wurden diese Praktiken durch den Fall Brock Turner an der Stanford Universität in den USA. Er vergewaltigte ein bewusstloses Mädchen am College. Was die junge Frau zu erleiden hatte und nicht zuletzt im Gerichtsverfahren, kannst du dir in ihrem Brief an Brock Turner durchlesen.

Aber nicht nur Anwälte stellen diese Fragen, schlimmer noch. Auch vermeintliche Freunde stellen sie. Wie hart das für die Frau ist, interessiert niemanden und so passiert es, dass eine Vergewaltigung nicht als solche anerkannt wird, denn sie war zu betrunken oder unter Drogen gesetzt. Zu benebelt, um sich zu wehren oder zu äußern.

Save your Girls

Danke, Gina-Lisa

Ähnliches erleben wir derzeit im Fall Gina-Lisa Lohfink. Eine junge Frau, die offen mit ihrer Sexualität umgeht. Eine junge Frau, die wohl ein Opfer unserer Gesellschaft ist. Die sich äußerlich angepasst hat, um sich innerlich zu verstecken. Denn das Business ist hart. Anfeindungen, Beleidigungen, Shitstorm. Wer hätte es gedacht, dass ausgerechnet diese Frau eine so wichtige Rolle zur Verschärfung des Sexualstrafrechts einnehmen würde. Als wir sie vor 8 Jahren das erste mal bei „Germany’s Next Top Model“ sahen wohl keiner und auch die Jahre später nicht.

Aber was ist passiert? Im Jahr 2012 wurde wohl ein vermeintlicher Amateurpornofilm veröffentlich, in dem sie mit zwei anderen Männern zu sehen ist. Ein Film, der so prägnant scheint, dass Leute danach zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, denn sie glaubten dort eine Straftat zu sehen. Gina-Lisa wirkt abwesend. Die Augen bekommt sie nicht auf. Regungslos ist sie. Nur zwei Worte bekommt sie hauchend heraus: „Hör auf.“ Drei mal wiederholt sie es in einer Sequenz von weniger als 30 Sekunden. Aber anstatt aufzuhören macht der eine weiter und der andere versucht ihr seinen Penis in den Mund zu quetschen. Aufgehört haben sie auf jeden Fall nicht. Nun ist es laut Gesetz so, dass es erst eine Vergewaltigung ist, wenn sich das Opfer körperlich wehrt. Dass sie zu solch einer Handlung nicht in der Lage war, wird einem in dem Clip sofort bewusst. Daher wohl auch die Anzeigen von anderen Menschen.

Das Gericht sieht es anders

Keine Vergewaltigung lautet das Urteil. Freispruch. Okay, das Gesetz ist so. Was will man zu dieser Zeit daran ändern. Der richtige Schlag ins Gesicht kommt später. Die Staatsanwältin hält Gina-Lisa für eine Lügnerin und sie soll 24.000€ zahlen, weil sie eben diese Lüge der Vergewaltigung verbreitete. Da staunst du erstmal oder wie im Fall von Gina-Lisa, du bekommst einen Nervenzusammenbruch. Natürlich wird Revision eingelegt. Am 27.06. geht die Verhandlung weiter und wir dürfen gespannt sein und das Beste hoffen.

Die Medien berichten darüber, immer mehr. #TeamGinaLisa #NeinheisstNein. Der Fall wird bekannt und alle sprechen darüber. Frauen zeigen Solidarität. Die Grünen machen mit, Manuela Schwesig ebenso und Heiko Maas in seiner Funktion als Justizminister dreht nun an der Bürokratiemaschine, um ein überarbeitetes Gesetz in die Wege zu leiten und zwar zackig!

Und so passiert es, dass ich mich bei Gina-Lisa bedanken möchte. Danke, dass du so tapfer durchhälst und nicht zurückschreckst.

Denn nicht zuletzt seit der Silvesternacht in Köln nervt es uns, dass solche Kriminellen ohne Bestrafung davonkommen. Es wird begrapscht, beklaut, beleidigt. Frauen werden wie Freiwild behandelt. Die Täter wissen, sie haben nichts zu befürchten. Notfalls tauchen sie ab. Das ist einfach mittlerweile. Kein Problem.

Und ich realisiere, dass diese unsere Welt definitiv keine sichere mehr ist oder jemals war.

Save your Girls.

signatur
5 Comments
  • Katharina
    Juni 25, 2016

    Kann dir nur zustimmen, es ist so schrecklich wie sich die Welt entwickelt.

  • Marianne Rivero - Heinen
    Juni 25, 2016

    Oh Gott ja…. Die Frauen werden bestraft mit schmerzen und zunehmender Gefühlskälte und Ignoranz…. Ganz schlimm….. Ich bin ja schon älter… In meiner Jugendzeit war es auch schon schlimm … Aber so was???? Du hast gut geschrieben und es stimmt zu 100% wenn wir keine Beschützer haben wird es schlimm….. Passt auf euch auf……

  • Karin
    Juni 27, 2016

    Danke! Danke für diesen Text. Save your Girls.
    Karin

  • Pia
    Juni 27, 2016

    Oh Gott ich kann dir nur zu 100% zustimmen!

  • Manu
    Juni 27, 2016

    Traurig diese Welt….

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